Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

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Displaced Persons

  1. Überblick
  2. Organisation der Rückführung
  3. DP-Camps in Hessen
  4. Displaced Persons in Frankfurt am Main
  5. Der International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen

1. Überblick

Als Displaced Persons, oder kurz: DPs, wurden seit 1944 Personen bezeichnet, die sich kriegsbedingt als Gefangene, Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge oder in anderen Zusammenhängen vertriebene oder deportierte Personen außerhalb ihres Heimatlandes befanden und sich nicht ohne zusätzliche Unterstützung durch Dritte nach Hause zurückkehren oder in einem anderen Land neu ansiedeln konnten. Der Terminus wurde erstmals 1943 durch den Soziologen und Migrationsforscher Eugene M. Kulischer (1881–1956) geprägt und fand in erster Linie Anwendung auf die ehemaligen Gefangenen der Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager der Achsenmächte. Unter den Begriff fielen nicht die heimatvertriebenen Personen deutscher Staatsangehörigkeit oder deutscher Volkszugehörigkeit, die ab 1944 aus den deutschen Ostgebieten oder dem Territorium der ehemaligen Habsburger-Monarchie in die Gebiete der nachmaligen Staaten BRD, DDR und Österreich flohen.

Die Zahl der aus fremden Ländern Verschleppten, Vertriebenen oder Geflohenen, die als DPs erfasst wurden, belief sich im Frühsommer 1945 auf dem Gebiet der drei westlichen Besatzungszonen auf annähernd sieben Millionen; in ganz Europa (einschließlich der ehemals von den Achsenmächten besetzten Gebiete) bezifferte sich die Anzahl der Displaced Persons auf knapp neun Millionen Menschen.

2. Organisation der Rückführung

Trotz vielfach großer Schwierigkeiten bei ihrer Rückführung gelang es den Alliierten, bis September 1946 etwa sechs Millionen von ihnen im Rahmen sogenannter Repatriierungsprogramme die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Für einen Großteil der verbliebenen Personen, darunter insbesondere viele jüdische Gefangene der NS-Konzentrationslager, kam aus verschiedenen Gründen jedoch eine Heimkehr in ihr Ursprungsgebiet nicht in Frage. Sie wurden in von der am 9. November 1943 gegründeten United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) versorgten Lagern untergebracht, von denen in Hessen insgesamt 29 existierten, unter anderem in Frankfurt-Zeilsheim, Hanau, Wiesbaden, Eschwege, Lampertheim und Wetzlar. Die UNRRA fungierte darüber hinaus zwischen 1945 und 1947 als zentrales Organ für alle Auskunftstellen, die Informationen der als Displaced Persons (DPs) registrierten Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Verschleppungspolitik sammelten und verwalteten. Die UNRRA wurde in dieser Funktion zusammen mit ihrer Nachfolgeorganisation, der im April 1946 gegründeten International Refugee Organization (IRO), zum direkten Vorläufer des 1948 in Arolsen institutionalisierten und bis heute existierenden International Tracing Service (ITS). Neben Tausenden von verschleppten Zwangsarbeitern aus Polen und dem Baltikum, die zum Beispiel in den Lagern („DP-Camps“) in Wiesbaden und Wetzlar im Sommer 1945 die große Mehrheit der insgesamt 18.375 dort untergebrachten DPs stellten, hielten sich zwischen Sommer 1945 und Herbst 1949 zusammen etwa 35.000 jüdische Displaced Persons für kürzere oder längere Zeit in Hessen auf. Ihre Unterbringung inmitten der deutschen Wohnbevölkerung und die Besserstellung der DPs aufgrund der Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung durch die UNRRA zog in einigen hessischen Gemeinden erhebliche und unangenehme soziale und wirtschaftliche Konsequenzen nach sich. So führte die zwangsweise Einquartierung von jüdischen DPs beispielsweise im südhessischen Lampertheim 1946 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Ortseinwohnern und den jüdischen DPs, die das Eingreifen der amerikanischen Militärpolizei erzwangen und durch ein grundsätzliches Versammlungsverbot beantwortet wurden.1 Den „materiellen Schaden“, der Lampertheim durch die Öffnung von Häusern „in ihren besten Wohnvierteln“ für die vorwiegend jüdischen Displaced Persons entstand, wurde von der Stadt nach Abzug der letzten Zwangseinquartierten im Herbst 1949 auf 2,5 Millionen DM geschätzt. Zahlreiche Hauseigentümer weigerten sich, in ihre teils zerstörten Häuser zurückzukehren, weshalb die Hessische Landesregierung am Jahresende 1949 die vorläufige Bereitstellung eines Sofortkredits in Höhe von einhunderttausend Mark beschloss, um die „dringlichsten Reparaturen an den sanitären Einrichtungen und Heizanlagen“ in den Heimen der Betroffenen zu unterstützen.2

3. DP-Camps in Hessen

DP-Camps, die überwiegend vorübergehender Aufenthaltsort von Menschen jüdischer Herkunft waren, bestanden in Hessen in zahlreichen größeren und kleineren Städten. Kassel zählte gleich drei Lager zur Unterbringung der Displaced Persons: Hasenecke, Jägerkaserne und Möncheberg. In Frankfurt-Zeilsheim errichteten die amerikanischen Besatzungskräfte ein bedeutendes DP-Camp unter Einbeziehung der Häuser einer Werkssiedlung der I.G. Farben. Weitere große Camps, die Platz für mehr als 3.000 Personen boten, existierten in Eschwege und Wetzlar. Die Zahl der kleineren Lager verteilte sich auf die Städte und Gemeinden Babenhausen, Bad Salzschlirf, Bensheim, Dieburg, Eschenstruth, Fritzlar, Hessisch-Lichtenau (fünf Lagereinrichtungen), Hofgeismar, Lampertheim, Lindenfels (Kinderlager), Schwarzenborn, Schwebda (Außenstelle des Eschweger DP-Lagers als Kinderlager auf Schloss Wolfsbrunnen) und Ziegenhain.3

4. Displaced Persons in Frankfurt am Main

Nach Kriegsende wurde Frankfurt am Main zu einer Drehscheibe der Einreise- und Auswanderungsbewegung, die dort zwischen 1945 und 1949 vor allem überlebende Juden aus Osteuropa nach Übersee in eine neue Heimat führte. Für sie errichteten die Amerikaner in Frankfurt-Zeilsheim ein eigenes Lager, das direkt der UNRRA unterstand.4

In Frankfurt-Höchst diente die ab 1922 zur Unterbringung französischer Besatzungssoldaten (alliierte Rheinlandbesetzung) errichtete und während der NS-Zeit zu verschiedenen Zwecken genutzte Kaserne an der Herbesthaler Straße als Durchgangslager für polnische Displaced Persons. Sie wurde von der amerikanischen Besatzungsmacht betrieben.

Im Stadtteil Zeilsheim beschlagnahmten die Amerikaner nach Kriegsende eine Werkssiedlung der früheren I.G. Farbenindustrie AG mit über 200 Häusern, um bestehende DP-Camp in den Zwangsarbeiter-Baracken der Farbwerke Hoechst zu erweitern und die Unterbringung zu verbessern. Das Lager, das während der Dauer seines Bestehens zu einer selbstverwalteten jüdische Enklave mit reichem kulturellem Leben wurde5, erlangte durch Besuche des späteren israelischen Premierministers David Ben Gurion (1886–1973) und der ehemaligen amerikanischen First Lady Eleanor Roosevelt (1884–1962) als Repräsentantin der Vereinten Nationen große Bekanntheit. Zwischen 1945 bis 1948 fanden dort fast 4.000 Überlebende des Holocaust, vor allem aus deutschen Konzentrationslagern in Polen, eine vorübergehende Heimat, ehe ihnen die Weiterreise nach Amerika oder Israel genehmigt wurde. Das Lager wurde im November 1948 von der US-Armee aufgelöst und die requirierten Häuser wurden zurückgegeben.

5. Der International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen

In Hessen befasst sich eine besondere Einrichtung mit dem Schicksal der Displaced Persons. In der nordhessischen Kleinstadt Bad Arolsen befindet sich der International Tracing Service (ITS; dt.: Internationaler Suchdienst), ein Zentrum für die Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung und Zwangsarbeit sowie den Holocaust. Im Archiv des ITS werden Dokumente zu den Schicksalen von Millionen Opfern der Naziherrschaft aufbewahrt.

Die Hauptaufgabe des ITS ist seit seiner Gründung die Suche nach nichtdeutschen Personen im Gebiet des damaligen Deutschen Reiches sowie den deutsch besetzten Gebieten in der Zeit von 1933 bis 1945, die während des Zweiten Weltkrieges verschleppt worden waren oder aus anderen Gründen vermisst wurden. Hier bemüht man sich um die Klärung des Schicksals der Verfolgten und die Suche nach Familienangehörigen.

Neben der Suche nach verschleppten jüdischen und nichtjüdischen Personen (Displaced Persons), die nach Kriegsende von internationalen Hilfsorganisationen wie der UNRRA und der IRO betreut wurden, ermittelt der ITS besonders auch den Verbleib von Häftlingen der nationalsozialistischen Konzentrationslager und Gefängnisse und der jüdischen Ghettos, die von den deutschen Besatzern während des Krieges vor allem in den Ländern Osteuropas eingerichtet wurden. Seine Suchtätigkeit erstreckt sich auch auf ausländische Staatsangehörige, die in der Zeit von 1939 bis 1945 auf das Gebiet des Deutschen Reiches verbracht wurden und als Zwangsarbeiter oder als Kriegsgefangene in Stammlagern festgehalten wurden. Zusätzlich fahndet der ITS nach Angehörigen aller genannten Personengruppen, insofern sie bei Ende des Zweiten Weltkrieges noch unter 18 Jahre alt waren und verschleppt oder von ihren Eltern getrennt wurden.

Die vom ITS aufbewahrten und zur Klärung des Verbleibs einzelner Personen aufbewahrten Dokumente umfassen Akten, Bescheinigungen und Verzeichnisse der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), Arbeitsbücher, Krankenberichte, Registrierlisten aus Lagern, Nachweise zum Durchgang in und zu anderen Lagern, Emigrations- und Sterbelisten und in großem Umfang die Listen von Hilfsorganisationen. Der ITS verwahrten Unterlagen umfassen 26.000 laufende Meter an Dokumentationsmaterial. Dieses gliedert sich inhaltlich in die drei Bereiche Inhaftierung, Zwangsarbeit und Displaced Persons. Zwei weitere Archivbereiche werden durch die Zentrale Namenkartei mit rund 50 Millionen Hinweise zum Schicksal von 17,5 Millionen Menschen und das Archiv des Kindersuchdienstes mit Unterlagen über Kinder und Jugendliche, die bei Kriegsende unter 18 Jahre alt waren, gebildet.

Der Ursprung des International Tracing Service liegt beim Britischen Roten Kreuz in London, wo man aufgrund einer Initiative des Hauptquartiers der Alliierten Streitkräfte 1943 die vormalige Abteilung für Internationale Angelegenheiten in ein Suchbüro verwandelte, das mit der Spurensuche sowie der Registrierung von Verschollenen beauftragt wurde.6

Kai Umbach


  1. Vgl. dazu ausführlich Dietrich Kohlmannslehner (Dokumentation) / Thomas Lange (Bearb.), „… wohnen auf der verfluchten deutschen Erde“. Jüdisches Leben in Südhessen nach 1945. Die DP-Lager in Lampertheim, Lindenfels, Bensheim, Dieburg und Babenhausen sowie die Anfänge der Jüdischen Gemeinde Darmstadt. Beiheft zur Ausstellung des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt, 26.10.1998–18.12.1998 (Ausstellungskataloge des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt 18), Darmstadt 1998, S. 17 ff.
  2. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.1949, S. 3: Millionenschaden durch Verschleppte.
  3. Vgl. Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e. V.: www.after-the-shoah.org: Internetlexikon: Jüdische DP Lager und Gemeinden in der US Zone: DP Lager und Gemeinden in Hessen, URL: http://www.after-the-shoah.org/index.php?id=42 (eingesehen am 4.12.2014).
  4. Vgl. Ernst Karpf, Juden und jüdisches Leben in Frankfurt nach der Befreiung 1945, Teil von: Stadt Frankfurt am Main, Institut für Stadtgeschichte: Frankfurt am Main 1933–1945, URL: http://www.ffmhist.de/ffm33-45/portal01/portal01.php?ziel=t_jm_hist_ab1945 (eingesehen am 4.12.2014).
  5. Vgl. Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e.V. nurinst.org: Das Displaced Persons Lager Zeilsheim: Eine selbstverwaltete jüdische Enklave in Frankfurt a. M. 1945–48, URL: http://www.nurinst.org/nurinst_org/proj_zeilsheim.htm (eingesehen am 4.12.2014).
  6. Vgl. ausführlich: International Tracing Service (ITS) (offizielle Website): Geschichte des ITS, URL: https://www.its-arolsen.org/de/ueber-its/geschichte/index.html?expand=23&cHash=d9a17117c61cf8b30eace1ade46b6399 (eingesehen am 4.12.2014).
Sachbegriffe
Displaced persons
Einträge
  1. Erster Gottesdienst in der wiederhergestellten Synagoge in Bad Nauheim, 27. April 1945
  2. Zahl der Displaced Persons in der britischen und amerikanischen Zone, 29. Mai 1945
  3. Ermittlung der Zahl der Ausländer in Hessen, 23. Juli 1945
  4. Amerikanisches Außenministerium kündigt Schließung der Lager für Displaced Persons an, 16. März 1946
  5. Noch etwa 82.000 Displaced Persons in Hessen, 1. Oktober 1948
  6. Rund 1.400 falsche Wiedergutmachungsanträge sind in Hessen gestellt worden, 2. Oktober 1952
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde