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Hessische Biografie

Jenner, Gustav [ID = 9140]

* 3.12.1865 Keitum (Sylt), † 29.8.1920 Marburg, Begräbnisort: Marburg Hauptfriedhof, evangelisch-lutherisch
Prof. Dr. h.c. – Komponist, Dirigent
Andere Namen | Wirken | Familie | Nachweise | Leben | Zitierweise
Andere Namen

Weitere Namen:

  • Jenner, Cornelius Uwe Gustav
Wirken

Werdegang:

  • 1880 ff. Besuch des Gymnasiums in Kiel
  • Schüler von Hermann Stange (Orgel, Harmonielehre)
  • Bekanntschaft mit Klaus Groth
  • 1884 ff. Schüler von Theodor Gänge (Klavier, Kontrapunkt)
  • Bekanntschaft mit Theodor Storm
  • 1886 ff. Schüler von Arnold Krug in Hamburg (Komposition, Instrumentation)
  • 1887 Bekanntschaft mit Pjotr Iljitsch Tschaikowski
  • 1888 Kompositionsschüler von Johannes Brahms in Wien
  • Schüler von Eusebius Mandyczewski (Kontrapunkt)
  • ab 1895 Tätigkeit als Universitätsmusikdirektor und Dirigent des Akademischen Konzertvereins in Marburg
  • 1900 Verleihung des Titels eines Professors der Universität Marburg
  • 1904 Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Marburg
  • sein Schaffen umfasst insgesamt zehn Werke mit Opuszahl, die zu seinen Lebzeiten im Druck erschienen, sowie über 150 Lieder, diverse Chorwerke mit und ohne Begleitung einzelner Instrumente oder des Orchesters, Vokal-Duette, -Terzette und -Quartette sowie Bearbeitungen von ca. 50 „altdeutschen“ Volksliedern
  • zur Vokalmusik treten zahlreiche Instrumentalwerke: Neben einer Orchesterserenade und einem symphonischen Fragment galt sein kompositorisches Interesse insbesondere der Kammermusik
  • insgesamt hat Jenner elf streng zyklische Werke hinterlassen: ein Trio für Klavier, Klarinette und Horn, drei Streichquartette, ein Klavierquartett und sechs Sonaten, davon drei für Violine und je eine für Cello, Klarinette und Klavier solo

Akademische Vita:

  • Marburg, Universität / Philosophische Fakultät / / Professor / 1895-1920

Lebensorte:

  • Keitum (Sylt); Kettwig (Ruhr); Mühlheim (Ruhr); Gleschendorf bei Lübeck; Kiel; Wien; Marburg
Familie

Vater:

Jenner, Andreas Ludwig Otto, 1828-1884, Arzt, Sohn des Friedrich Bernhard Jenner, Arzt

Mutter:

Bleicken, Anna, 1826-nach 1901, Tochter des Jens Bleicken, Fischer und Schiffseigentümer, und der Maria Boysen

Partner:

  • Hochstetter, Julie* Charlotte, * 1868, † 1942, Heirat Marburg 3.9.1895, Tochter des Carl Christian Hochstetter, Chemiker, Fabrikant in Wien, und der Justine Bengough

Verwandte:

  • Jenner, Johannes <Sohn>, * 6.9.1896, † 30.10.1917
  • Jenner, Gustav Uwe <Sohn>, * 27.11.1899, † 7.10.1918
Nachweise

Literatur:

Bildquelle:

Hessisches Musikarchiv, Marburg

Leben

In Kiel lernte Gustav Jenner den Lyriker und Erzähler Klaus Groth kennen, dessen Söhne mit ihm das gleiche Gymnasium besuchten. Groth erkannte die hohe musikalische Begabung Jenners und bemühte sich fortan als Mentor um dessen musikalische Laufbahn. Durch seine Vermittlung trafen Jenner und Brahms zur Jahreswende 1887/88 in Leipzig zusammen. Nach dem Treffen wandte Jenner sich mit der Bitte an Brahms, ihn als Schüler anzunehmen. Brahms sagte zu und lud ihn nach Wien ein.

Schon vor Jenners Ankunft war vereinbart worden, dass er seine neuen Werke Brahms regelmäßig zur Besprechung vorlegt. Während der Zeit seiner Wiener Studienjahre war er dann im Durchschnitt etwa alle drei Wochen bei Brahms zur Besprechung seiner Arbeiten. Da der eigentliche Grund von Jenners Aufenthalt nicht der persönliche Umgang, sondern der Unterricht bei Brahms war und dieser keinen anderen jungen Komponisten selbst nach Wien eingeladen hatte, um dessen Schaffen kritisch zu begleiten, ist es gerechtfertigt, Jenner als einzigen Kompositionsschüler von Brahms zu bezeichnen. Es dürfte nicht zuletzt auf das auch ansonsten häufige Beisammensein der beiden Norddeutschen zurückzuführen sein, dass ihr menschliches Verhältnis bald eine freundschaftliche Qualität gewann, die weit über eine bloße Lehrer-Schüler-Beziehung hinausging.

Auf Empfehlung von Brahms berief die Philipps-Universität Marburg Jenner 1895 in das Amt des Universitätsmusikdirektors. In den zweieinhalb Jahrzehnten, die er hier wirkte, hielt er – neben den ihm aus dieser Position erwachsenen Verpflichtungen und der Leitung akademischer und städtischer Musikvereine – musikwissenschaftliche Vorlesungen und widmete sich der Komposition vorwiegend von Kammermusik.

Neben seinen von den Studenten gerühmten Vorlesungen suchte Jenner auch Erfüllung in der musikalischen Bildung des Marburger Konzertpublikums. Das Leben in der kleinstädtischen, vom akademischen Betrieb geprägten Atmosphäre Marburgs, umgeben von einem ihm freundschaftlich gesinnten, musikalisch aufgeschlossenen Professorenkreis, empfand er nicht als Nachteil. Die Lebensart kam seiner Persönlichkeit entgegen, und insbesondere genoss Jenner hier ungehinderte künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten. Einen Ruf an die Berliner Musikschule im Jahre 1906 lehnte er daher ebenso ab wie das Angebot, als Universitätsmusikdirektor nach Breslau zu gehen.

Die Unzulänglichkeiten des kleinstädtisch-provinziellen Marburger Musiklebens kompensierte Jenner durch das gemeinsame öffentliche Musizieren mit bedeutenden Instrumentalsolisten. Zu den bekanntesten zählen die Geiger Gustav Havemann, Hugo Heermann, Paul Hindemith und Adolf Rebner, die Pianistin Fanny Davies, eine der letzten Repräsentantinnen der Clara Schumann-Tradition, der Pianist Carl Friedberg, die Violoncellisten von Weltruhm Hugo Becker und Julius Klengel, die Sopranistin Tilly Cahnbley-Hinken, eine der anerkanntesten Konzert- und Oratoriensängerinnen der Zeit, die Berliner Mezzo-Sopranistin Lula Mysz-Gmeiner und der Bassist Anton Sistermans, ein Schüler Julius Stockhausens.

Nur ein geringer Teil von Jenners Kompositionen wurde zu seinen Lebzeiten gedruckt. Dies gab ihm die Möglichkeit zu fortwährender Überarbeitung.

Die Begegnung mit Brahms hielt Jenner selbst für das „entscheidende Glück“ seines Lebens. Der Umstand, dass die Künstlerpersönlichkeiten um Brahms vom Nimbus des Meisters überstrahlt wurden, wirkte sich insbesondere für Jenner verhängnisvoll aus. Die bloße Feststellung seiner Schülerschaft evozierte unmittelbar den Vorwurf des Epigonalen und verhinderte eine autonome künstlerische Wertung. Ihn als „Brahmsepigonen“ zu bezeichnen, wie dies häufig geschah, ist jedoch völlig unzutreffend.

Jenners Musik ist zwar ganz der Klangwelt seines Lehrers verbunden, hat aber dennoch eine ausgeprägte persönliche musikalische Faktur. Dies gilt in ganz besonderem Maße für seine Lieder. Obwohl die kompositorischen Details „brahmsisch“ sind, ließe sich jedes einzelne für sich betrachtet doch nie für eine Komposition von Brahms halten.

Jenners Musik erlebt durch die vom Hessischen Musikarchiv in Marburg, vorangetriebene Drucklegung seiner Werke seit den 1980er-Jahren eine Renaissance. Im Bestand des Archivs befindet sich heute der größte Teil seiner musikalischen Hinterlassenschaft.

Uwe Henkhaus (Marburg)

Zitierweise
„Jenner, Gustav“, in: Hessische Biografie <http://www.lagis-hessen.de/pnd/117102385> (Stand: 19.5.2017)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde