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Fulda – ANONYMUS: Entwurf zum Thesenblatt des Fuldaer Jesuitenkollegs mit Vedute der Stadt von Südwesten

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ANONYMUS: Entwurf zum Thesenblatt des Fuldaer Jesuitenkollegs mit Vedute der Stadt von Südwesten

Anonymus: Entwurf zum Thesenblatt des Fuldaer Jesuitenkollegs mit Vedute der Stadt von Südwesten, 1669 (lavierte Sepiafederzeichnung, Papier, 352 x 486 mm, Ausschnitt, Dom-Museum Fulda).
Diese anonyme Ansicht zeigt die Stadt erstmals aus Südwesten und nicht wie bei den Darstellungen von Brosamer bis Merian üblich von Osten. Sie diente als unmittelbare Vorlage für 30 Thesen zum Abschluss des philosophischen Kurses am Jesuitenkolleg im September 1669 und dürfte unmittelbar davor entstanden sein (Stasch, Erinnerung, S. 86 f.). Die Darstellung ist zwar perspektivisch verzerrt und der Künstler mit einer durchaus geübten Hand interessierte sich weniger für die bürgerliche Stadt, deren Dachlandschaft eher signaturhaft wiedergegeben wird. Dafür sind die kirchlichen Gebäude vergleichsweise detailliert dargestellt und sie können daher eine gewisse Authentizität beanspruchen. Ganz am linken Rand ist mit Mons S. Crucis wahrscheinlich der Schultesberg zwischen Haimbach und Maberzell gemeint. Seit dem Mittelalter wurde er auch als Kreuzberg bezeichnet und trug eine Kapelle, die an jener Stelle eines Kreuzes stand, das an der angeblich letzten Raststätte bei der Überführung der Gebeine des Hl. Bonifatius errichtet worden war. Darunter sind die Brückenmühle sowie die ersten drei Bögen der Langen Brücke zu sehen. Rechts von der Säule ist oben der Frauenberg mit Mons B.V. bezeichnet, darunter die Mariensäule zu erkennen und unter dieser der Michaelsberg (Mons S. Michaelis) und der Andreasberg (Mons S. Andreæ). Das Stift, die Pauluskapelle, das Schloss und das Nonnenkloster bleiben unbezeichnet. Das Schloss ist erstmals in seiner Renaissanceüberformung dargestellt und vermittelt so den Eindruck seiner dominanten Position in der Stadtvedute (Stasch, Residenz, S. 31). Über dem Nonnenkloster ist der Petersberg (Mons S. Petri) wiederum bezeichnet, ebenso wie am unteren Bildrand die Propstei Johannesberg (Mons S. Joannis). Besonders der Vergleich mit der eine Generation später ebenfalls von Südwesten von Stephan von Clodh aufgenommenen Zeichnung (vgl. Abb. 2 im Textheft) belegt das hohe Maß an Authentizität der Darstellung. Weiter nach rechts sind – wiederum unbezeichnet – die Stadtkirche, die Jesuitenkirche und einige Stadttürme zu identifizieren, überragt vom Florenberg (Mons S. Floræ). In der rechten unteren Bildecke ist schließlich vermutlich noch die Ziegelmühle dargestellt. Bei den drei ebenfalls abgebildeten Warttürmen an der Horizontlinie dürfte es sich von links nach rechts, um die Lehnerzer, die Rauschenberg und die Dirloser Warte handeln.


Hessischer Städteatlas. IV,3: Fulda
Compiled by Andrea Pühringer, Marburg 2019
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