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Erste Hausbesetzung im Frankfurter Westend, 19. September 1970

Im Frankfurter Westend kommt es zur vermutlich ersten Hausbesetzung in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die politisch motivierte Protestaktion wird zum Vorbild weiterer Hausbesetzungen in Frankfurt am Main und anderen bundesdeutschen Städten während des Jahres 1970 und ist die erste Besetzung im „Frankfurter Häuserkampf“, der sich in den 1970er Jahren in verschiedenen Teilen der Stadt Frankfurt am Main abspielt und von linksgerichteten politischen Aktivisten, den sogenannten Spontis („Spontaneität der Massen“) getragen wird. In einem Flugblatt schreiben die Besetzer, die sich selbst als „kinderreiche Familien, ausländische und deutsche Arbeiter und Studenten“ in der „Hausgemeinschaft Eppsteiner Straße 47“ bezeichnen: „Wir haben das Haus besetzt, weil es keine anderen Wohnungen, für uns gab.“1 Die Besetzer vermuten, dass das Haus in der Eppsteiner Straße abgerissen werden soll. Es steht zum Teil leer, mehrere ausländische Familien, die bereits seit längerer Zeit als reguläre Mieter darin wohnen, haben ihre Kündigungen erhalten.

Spekulationswelle im Westend

Gegenstand des Protests ist eine grassierende Spekulationswelle, die besonders das Frankfurter Westend betrifft. Spekulationswütige Hauseigentümer gehen nach Meinung der Aktionisten mehr und mehr dazu über, die angestammte Mieterschaft des überwiegend gründerzeitlich bebauten Wohngebietes in der Kernstadt mit überzogenen Mieterhöhungen zum Auszug zu bewegen. Nach dem Willen der Stadt Frankfurt am Main sollen im Westend moderne Büro- und Verwaltungsgebäude entstehen, dabei sei eine Verzehnfachung der Quadratmeterpreise zu erwarten. Bis zum geplanten Abriss der Häuser würden übergangsweise Gastarbeiterfamilien darin untergebracht, von denen die Eigentümer „Rekordmieten für verwahrloste Räume“ „erpreßten“2 Die Hausbesetzer zeigen sich durchaus willig, einen Mietzins für den okkupierten Wohnraum zu entrichten, allerdings wolle man das Haus in Eigenregie renovieren und verwalten. Man sei bereit, einen „angemessenen“ Betrag von zehn Prozent des eigenen Reallohnes zu entrichten, nach Schätzung der neuen Hausbewohnergemeinschaft könnten so „600 bis 800 Mark“ an den Hauseigentümer abgetreten werden. Die Gruppe erklärt weiterhin, dass ihrer Aktion weitere Besetzungen im Westend folgen werden, um die Häuser vor dem drohenden Abbruch zu retten. In ihren Augen sei das Recht auf menschenwürdigen Wohnraum in der Innenstadt „höher zu bewerten als die Profitgier weniger Spekulanten.“3

Sympathiebekundungen in der Öffentlichkeit

In der Öffentlichkeit trifft die Hausbesetzung teilweise auf entschiedene Zustimmung4 Die 1969 als eine der ersten deutschen Bürgerinitiativen gegründete „Aktionsgemeinschaft Westend“, die sich den Erhalt des Stadtteils als Wohngebiet zur Aufgabe gemacht, begrüßt die Aktion in einer Stellungnahme ausdrücklich: Mit der Besetzung wird demonstriert, wie Haus- und Grundbesitz im Interesse der Frankfurter Bevölkerung möglichst effektiv genutzt werden sollte5 Der Bund für Volksbildung (Volksschule) unterstützt die Absicht der Hausgemeinschaft „Bildungsveranstaltungen zwischen deutschen und ausländischen Arbeitern und Studenten und den Kindern der ausländischen Arbeiter durchzuführen“ und bezeichnet die Besetzung als „bildungspolitischen Modellversuch“6 Der SPD-Ortsverein Westend und verschiedene Hochschulorgane bekunden ihre Sympathie. Auch der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Möller (1920–1971; SPD) äußert zunächst Verständnis. Der Frankfurter Haus- und Grundbesitzerverein erklärt, dass der Hauseigentümer keineswegs den Abriss des fünfstöckigen Altbaus beabsichtige. Man habe aber gegenüber dem Vermieter die Empfehlung ausgesprochen, einstweilen von einer Räumung durch die Polizei abzusehen.
(KU)


  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.9.1970, S. 23: Haus im Westend besetzt – Arbeiter, Studenten und kinderreiche Familien ziehen ein.
  2. Ebd.
  3. Ebd.
  4. Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.9.1970, S. 43: Die Diskussion um das Westendhaus geht weiter.
  5. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.9.1970, S. 29: Hausbesetzung als „bildungspolitischer Modellversuch“.
  6. Ebd.
Belege
Weiterführende Informationen
Empfohlene Zitierweise
„Erste Hausbesetzung im Frankfurter Westend, 19. September 1970“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/203> (Stand: 26.11.2022)
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