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Freigabe des Edertals zur Überflutung, Winter 1913

Im Winter 1913 wird mit dem Aufstauen des Wassers in der kürzlich fertiggestellten Edertalsperre begonnen,1 nachdem zehn Jahre zuvor die ersten Gerüchte über eine obrigkeitlich geplante Flutung des Ortes Bringhausen die Bevölkerung erreichten.2 Es folgen zum 1. April 1905 das preußische Gesetz „Zur Hebung der Landeskultur, zur Verminderung von Hochwasserschäden und zur Ausgestaltung des Wasserstraßennetzes“, das mit dem im Folgejahr vom Waldeckischen Landtag beschlossenen Enteignungsgesetz vom 31. Juli 1906 konkrete Planungen zur Vorbereitung der 1907 einsetzenden Baumaßnahmen rechtlich absichert.3 Ermöglicht wird die Einrichtung des Enteignungsgesetztes im Waldecker Land erst durch eine Art Abkommen zwischen dem Waldecker Landtag und dem Preußischen Staat, indem Preußen einer Beteiligung an den Grunderwerbskosten für den geplanten Ausbau der Eisenbahnstrecke zwischen Bad Wildungen und Korbach-Brilon zusagt.4 Mit dem „Erlass über die Enteignung von Grundeigentum für Sammelbeckenanlagen in den Fürstentümern Waldeck und Pyrmont“5 ist die Entsiedlung der Einwohner der im Edertal gelegenen Dörfer Bringhausen, Berich und Asel festgelegt.6 Deren Einwohner müssen sich nun während einer vorgesehenen Frist von drei Jahren auf einen neuen Lebensort einstellen7, dessen Organisation von einer fünfköpfigen unter dem Vorsitz des Landesdirektors geleiteten Enteignungskommission begleitet wird und die durch erste Gebietsankäufe von staatlicher Seite im Jahr 1906 erste Resultate hervorbringt.8

Eingaben der Bericher und Bringhauser Bevölkerung zur Abwendung der Bauvorhaben führen nicht zum erhofften Erfolg, jedoch zu weiteren Verhandlungen bezüglich der zu zahlenden Entschädigungsleistungen.9 In den Jahren 1910 bis 1913 wird die Edertalsperre unter der Leitung von Oberbaurat Wilhelm Soldan und Bauinspektor Schilling errichtet.10 Der Bau der Edertalsperre wird als notwendig erachtet, da durch sie neben der Erzeugung elektrischen Stroms eine Herbeiführung einer konstanten Schiffbarkeit der Weser erreicht werden kann. Hinzu kommt die Vorbeugung der Hochwasser- und Überflutungsgefahr und die Einspeisung von Wasser in den Mittellandkanal11, dessen ganzjährige Schiffbarkeit angestrebt wird.12 Die Folgen der Errichtung der Edertalsperre sind sowohl in der Landschaft sichtbar, wie auch eingeschrieben in die Geschichte des Edertals und seiner Bewohner, deren Heimat und Arbeitsplatz diesem technischen Großprojekt weichen muss. Die Planungen zur Konstruktion der Stauanlage beinhalten zunächst zwei übereinander gelagerte Staubecken. Eine Prüfung des Gesteins ergibt jedoch die Möglichkeit, auf eine einzige Stauung zu reduzieren. Das geplante Fassungsvermögen des Beckens wird mit 220 Millionen Liter Wasser konzipiert, sodass eine Höhe von 50 Meter, eine Breite von 60 Meter und ein Umfang von 40-45 Meter vorgesehen sind.13

Eine Neuansiedlung der ca. 900 vom Bau der größten Talsperre Europas und dem Verlust ihres Wohn- und Lebensraumes betroffenen Personen und insgesamt ca. 160 Gehöften14 wird in den neuen Gemeinden gleichen Namens (Neu-Asel, Neu-Bringhausen und Neu-Berich) durchgeführt, obwohl diese nicht für alle ehemaligen Bewohner ausreichend Platz bieten. Zudem präferieren einzelne Bewohner andere Ortschaften als die an andere Stelle teilverlegten bzw. neu gegründeten Orte. Daher erfolgt die Aussiedlung auch in weitere Gebiete des Fürstentums Waldeck und der hessischen Regionen sowie bis nach Posen.15 Teilweise finden sich Bewohner unterschiedlicher Ortschaften in einer neuen Ansiedlung zusammen, um die dörfliche Infrastruktur weiterhin aufrechterhalten zu können.16 Sowohl auf waldeckischem wie auf kurhessischem Gebiet verschwinden Ortschaften partiell oder vollständig in dem neu angelegten Stausee: Neben den Dörfern Asel, Berich, Bringhausen und Nieder-Werbe, sind die Bericher Hütte, die Sägmühle, die Stollmühle, das Gut Vornhagen und der Niederwerber Hammer betroffen. Partielle Einbußen haben die Dörfer Herzhausen und Hemfurth17 wie auch Waldeck, Vöhl, Harbshausen und Kirchlotheim hinzunehmen.18 Insgesamt werden rund 1000 Morgen Wald für das Gebiet der künftigen Edertalsperre gerodet.19
(FW)


  1. Vgl. Henning, Edertal, S. 19.
  2. Vgl. Münch, Bringhausen, S. 34.
  3. Vgl. Münch, Bringhausen, S. 76; Schäfer/Kienert, 850 Jahre Vöhl, S. 130.
  4. Vgl. Reinhard, Der Grunderwerb, S. 461.
  5. Vgl. Henning, Edertal, S. 18.
  6. Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.9.2014, S. 41: Atlantis im Edersee.
  7. Vgl. Münch, Bringhausen, S. 77.
  8. Vgl. Reinhard, Der Grunderwerb, S. 462f.
  9. Vgl. Schreff, Berich, S. 15; Münch, Bringhausen, S. 101.
  10. Vgl. Kliffmüller, Das Gebiet der Edertalsperre, S. 7.
  11. Vgl. Heßler, Die Edertalsperre, S. 13; Soldan, S. 7.
  12. Vgl. Henning, Edertal, S. 15.
  13. Vgl. Heßler, Die Edertalsperre, S. 12.
  14. Vgl. Völker, Die Edder-Talsperre, S. 8.
  15. Vgl. Grötecke, Edertalsperre, S. 13, 15; Münch, Bringhausen, S. 77.
  16. Beispielsweise die gemeinsam Ansiedlung von Bringhäusern mit Berichern in Neu-Berich. Vgl. Schreff, Berich, S. 17.
  17. Vgl. Heßler, Die Edertalsperre, S. 17; Kohl, Die Edertalsperre, S. 75.
  18. Vgl. Reinhard, Der Grunderwerb für das Waldecker Sammelbecken, S. 461.
  19. Vgl. Grötecke, Edertalsperre, S. 13.
Belege
Empfohlene Zitierweise
„Freigabe des Edertals zur Überflutung, Winter 1913“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/5237> (Stand: 27.11.2022)
Ereignisse im November 1913 | Dezember 1913 | Januar 1914
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