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Schwerer Bombenangriff der britischen Luftwaffe auf Kassel trifft den östlichen Rand des Stadtgebietes, 3. Oktober 1943

Am Abend des 3. Oktober fliegt die britische Luftwaffe einen schweren Angriff auf Kassel, der hauptsächlich die Stadtteile Wolfsanger, Bettenhausen und Sandershausen trifft.

Das geplante Ziel, die Vernichtung des Stadtzentrums durch einen Feuersturm, wird verfehlt

Die Attacke wird vom britischen Bomber Command als „Vernichtungsangriff“ geplant, der durch einen großen Flächenangriff mit Brandbomben und den dadurch ausgelösten „Feuersturm“ ein ziviles Ziel, nämlich die Kasseler Innenstadt zerstören soll. Das Bombardement der Briten trifft allerdings nicht wie vorgesehen die Innenstadt, sondern aufgrund der fehlerhaften Zielmarkierung der voranfliegenden „Pathfinders“ Industrieanlagen, Wohngebäude und landwirtschaftliche Betriebe in den genannten Ortsteilen am östlichen Rand des Stadtgebietes. Ein im Anschluss an den Angriff von deutscher Seite erstellter Bericht nennt zählt zahlreiche „Großschadenstellen“ auf: den Holländischen Platz, die Bernhardistraße, die Sandershäuser Straße mit der Hafer-Kakao-Fabrik der Schüle-Hohenlohe AG, das Wasserkraftwerk Vogt’sche Mühle, die Weserstraße, die Mönchebergstraße, das Stadtkrankenhaus, der Stadtteil Fasanenhof und der Ortsteil Wolfsanger, das Fieseler-Werk I (Bettenhausen) und Teile der Fabrikationsstätten der Spinnfaser AG, sowie Werk I der Firma Henschel. Das Werk II der Firma Salzmann & Co. wird bei dem Angriff völlig zerstört. Ein Großteil der zusammen mehr als 1.500 Tonnen abgeworfener Brand- und Sprengbomben geht zwar auf freiem Feld nieder, dennoch werden 382 Wohnhäuser zerstört. Die Angriffe, die sich – der Fehlmarkierung folgend – anfänglich auf Bettenhausen und Sandershausen (der heute zur Gemeinde Niestetal gehörende Ort wird zur Hälfte zerstört) konzentrieren, verschieben sich später in nördlicher Richtung, wo etwa in Wolfsanger und Ihringshausen etwa 50 Höfe im Bombenhagel untergehen oder beschädigt werden. Insgesamt sterben infolge des Bombardements 118 Menschen, etwa 300 Einwohner werden verletzt. Tragisch endet auch ein Reihenwurf schwerer Sprengbomben, von denen eine die Hauptstellung der Flakbatterie Sandershausen trifft und dort 48 deutsche Soldaten tötet. 23 von ihnen sind 15-, 16- und 17-jährige Schüler der Friedrich-Wilhelm-Schule in Eschwege, die erst vier Wochen zuvor als Luftwaffenhelfer eingezogen worden waren.

Kassel als Ziel der Area Bombing Directive

Bei der Analyse vorangegangener Luftangriffe auf die Stadtzentren von Wuppertal (Wuppertal-Barmen am 29./30. Mai 1943 und Wuppertal-Elberfeld am 24./25. Juni 1943 und Hamburg („Operation Gomorrha“, 24. Juli bis 3. August 1943) war man im britischen Luftfahrtministerium (legt die strategische Vorgehensweise der Royal Air Force fest) zu der Überzeugung gelangt, dass sich durch den massiven Einsatz von Brandbomben und „Luftminen“ bei Flächenbombardements die dicht bebauten Innenstädte der deutschen Großstädte durch Feuer („Feuersturm“) selbst zerstörten. Bereits 1942 war in der vom Chef des britischen Luftstabs Charles Portal entwickelten Area Bombing Directive als Richtlinie festgelegt worden, dass hohe Verluste der deutschen Zivilbevölkerung nicht mehr nur billigend in Kauf genommen, sondern zum eigentlichen Ziel der Luftangriffe werden sollten. Dazu entstand eine nach Priorität sortierte Zielliste aller deutschen Städte mit über 100.000 Einwohnern. Ziel dieser Angriffe war, die Bevölkerung der deutschen Großstädte in Angst und Schrecken zu versetzen, die Verletzbarkeit und die Loyalität der Menschen gegenüber dem NS-Regime zu schwächen. Der bei dem Angriff auf Kassel am 3. Oktober vom Bomber Command ausgesuchte Kern-Zielpunkt am Martinsplatz wurde bewusst so gewählt, dass ein Abwurf von Brandbomben die rasante Ausbreitung des Feuers begünstigten musste. Die anschließende Luftaufklärung verdeutlicht aber, dass der Einsatz nicht die gewünschte Auslöschung der Innenstadt zur Folge hatte. Daraufhin entscheidet sich das Oberkommando der Bomberflotte für einen erneuten Angriff auf Kassel. Am 22. Oktober 1943 werden die Zielmarkierungen exakt gesetzt. Innerhalb einer Stunde steht an diesem Tag das Stadtzentrum in Flammen und mehr als 10.000 Menschen werden durch das Inferno in den Tod gerissen.
(KU)

Belege
Empfohlene Zitierweise
„Schwerer Bombenangriff der britischen Luftwaffe auf Kassel trifft den östlichen Rand des Stadtgebietes, 3. Oktober 1943“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/2317> (Stand: 19.11.2021)
Ereignisse im September 1943 | Oktober 1943 | November 1943
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