Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Mittelalterliche Glasmalereien in Hessen

Beschreibung

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Deutschland hat nach Frankreich den größten Bestand an Farbverglasungen von den Anfängen bis zur Reformationszeit bewahrt. Die erhaltenen Denkmäler gehören nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ zu den bedeutendsten Zeugnissen mittelalterlicher Monumentalmalerei und geben vielfältige Aufschlüsse über die historischen, religiösen, sozialen und künstlerischen Hintergründe ihrer Entstehungszeit und -region.

Von mittelalterlicher Glasmalerei geht eine Faszination aus, deren vielschichtige Voraussetzungen großenteils unbewusst bleiben. Diese verbindet sich meist mit Räumen, die ihre ursprüngliche Farbverglasung scheinbar lückenlos bewahrt haben, etwa mit der Kathedrale von Chartres oder der Sainte-Chapelle in Paris oder – näher liegend – mit den Domen und Münsterkirchen von Köln, Regensburg, Straßburg oder Freiburg. Entsprechend einseitig und eng sind im Allgemeinen die Vorstellungen von Form, Funktion und Wirkung mittelalterlicher Farbverglasungen. Dass diese von einer kaum mehr nachvollziehbaren Mannigfaltigkeit waren, legt schon die architektonische Entwicklung der Fensterformen und ihre von Bauaufgabe zu Bauaufgabe, von Landschaft zu Landschaft wechselnde Gestaltung und Verteilung nahe. Mit diesen ganz verschiedenartigen Rahmenbedingungen mussten sich die Glasmaler ebenso auseinandersetzen wie mit den Wandlungen, denen die darzustellenden Bildprogramme im Laufe der Jahrhunderte unterworfen waren. Auch die jeweils spezifischen Motivationen und Wünsche der Fensterstifter bzw. die finanziellen Möglichkeiten der Auftraggeber spielten hierbei eine entscheidende Rolle.

Material und Technik, welche die Glasmalerei weder mit der Wand-, noch mit der Tafelmalerei teilt, machen diese zu einer besonders vollkommenen Gattung mittelalterlicher Malerei, der einzigen, die das natürliche Licht zur künstlerischen Gestaltung zu nutzen vermochte. Nirgends sonst konnten so unmittelbar wie hier Fläche und Linie, Farbe und Licht mit scheinbar so einfachen Mitteln wie Farbgläsern, Bleiruten und eingebrannten Lot- oder Schmelzfarben zum vollkommensten Träger der mittelalterlichen Bilderwelt gemacht werden.

Um der weiteren Forschung eine solide Grundlage zu verschaffen, müssen die im Lauf der Jahrhunderte dezimierten und beschädigten, in jüngerer Zeit durch Umwelteinflüsse zunehmend gefährdeten Kunstdenkmäler stets auf ihre Authentizität überprüft werden. Die materielle Erfassung der in situ oder in musealem Besitz bewahrten Denkmäler und die darauf aufbauende historische und kunsthistorische Bewertung gehen dabei über eine reine Inventarisierung weit hinaus, da die Glasmalereien stets zugleich in ihrem architektonischen und funktionalen Kontext behandelt, wo nötig in ihrem einstigen Bildprogramm rekonstruiert und gegebenenfalls – bei dislozierten Beständen – erst auf ihren ursprünglichen Standort zurückgeführt werden müssen.

Das Projekt

Ziele des Projekts

Trotz verschiedener Einzeluntersuchungen – etwa zu den künstlerisch herausragenden Farbfenstern der Marburger Elisabethkirche – fehlte lange Zeit eine umfassende Dokumentation des Bestandes an mittelalterlichen Glasmalereien für ganz Hessen. Das Modul „Mittelalterliche Glasmalereien in Hessen“, das diese Lücke füllen soll, ist ein Gemeinschaftsprojekt des Corpus Vitrearum Medii Aevi · Freiburg i. Br. (CVMA), einer Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur · Mainz, und des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde · Marburg.

Ziel des Projektes ist eine Dokumentation der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Glasmalereien Hessens bis zur Reformation und eine Präsentation in Text und Abbildung im Internet.

Das Freiburger Forschungszentrum für mittelalterliche Glasmalerei des deutschen Corpus Vitrearum bringt in dieses Projekt die von ihm abschließend bearbeiteten Bände des CVMA für Hessen ein.

Die Dokumentation der Glasmalereien wurde im Hessischen Landesamt in Datenbanken erfasst und für die Darstellung im Internet vorbereitet.

Die Projektmitarbeiter

Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland / Freiburg i. Br., Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur · Mainz:

  • Dr. Uwe Gast
    (Bearbeitung der Corpusbände)
  • Dr. Daniel Hess
    (Bearbeitung der Corpusbände)
  • Dr. Daniel Parello
    (Bearbeitung der Corpusbände)
  • Dr. Hartmut Scholz
    (Wissenschaftliche Mitarbeit)
  • Rainer Wohlrabe, Rafael Toussaint, Andrea Gössel, Rüdiger Tonojan und Ulrich Engert
    (Fotografie und Bildbearbeitung am CVMA Freiburg i. Br.)

Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde Marburg
(Datenaufbereitung, Datenbank-Entwicklung, Sacherschließung)

  • Stefan Aumann
  • Roswitha Kraatz
  • Kristin Langefeld

Das Corpus Vitrearum Medii Aevi (CVMA)

Das 1952 vor dem Hintergrund bitterer Verluste in den beiden Weltkriegen gegründete internationale Forschungsunternehmen des Corpus Vitrearum Medii Aevi hat zum Ziel, die erhaltenen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Glasmalereien in ihrer Gesamtheit fotografisch zu erfassen, in ihrem Erhaltungszustand zu dokumentieren, ihren historischen und kunsthistorischen Kontext zu erforschen und nach einheitlichen Richtlinien wissenschaftlich kommentiert zu edieren. Anstoß für die systematische wissenschaftliche Beschäftigung mit den Denkmälern der Glasmalerei gab die weitreichende fotografische Dokumentation im Zusammenhang mit der Bergung der Farbverglasungen während des Zweiten Weltkriegs. Einzelinitiativen wissenschaftlicher Erforschung der Bestände in mehreren Ländern wurden durch den Schweizer Kunsthistoriker Hans R. Hahnloser gebündelt und führten schließlich 1952 auf dem internationalen Kunsthistoriker-Kongress in Amsterdam zur Gründung eines der erfolgreichsten und international am stärksten vernetzten Forschungsunternehmen der Kunstgeschichte.

Nur wenige Länder mit einer vergleichsweise überschaubaren Zahl an mittelalterlicher Glasmalerei, wie Portugal, die skandinavischen Staaten und Tschechien/Slowakei haben ihre Bestände bereits vollständig erfasst und publiziert. Andere, wie Belgien, die Niederlande und die Schweiz, sind inzwischen dazu übergegangen, die Erschließung durch das Corpus Vitrearum auch auf ihre nachmittelalterlichen Denkmäler auszudehnen, wobei als zeitliche Obergrenze das Ende des Ancien Régime vereinbart wurde.

Als Folge der deutschen Teilung verfügt das CVMA Deutschland heute über zwei Arbeitsstellen – Freiburg und Potsdam –, die sich die wissenschaftliche Bearbeitung der Glasmalerei-Bestände in den Alten und Neuen Bundesländern teilen. Von insgesamt 40 geplanten Bänden des Gesamtwerks sind bereits 24 (in 29 Teilbänden) erschienen. Ein Band ist im Druck, zwei stehen kurz vor der Drucklegung, vier weitere sind in Bearbeitung.

Hessen und Rheinhessen besitzen an insgesamt 90 Standorten noch einen Glasmalereibestand von rund 1700 erhaltenen Einzelscheiben. Heute verlorene Denkmäler der Glasmalerei sind durch schriftliche Nachrichten und Bildquellen für weitere 90 Standorte überliefert. Sämtliche Denkmäler sind in drei Bänden des CVMA Deutschland erschlossen:

  • Die mittelalterlichen Glasmalereien in Oppenheim, Rhein- und Südhessen (CVMA Deutschland III, 1), bearbeitet von Uwe Gast, Berlin 2011 (680 S. : zahlr. Ill., graph. Darst., Kt.).
    ISBN 978-3-87157-225-8
  • Die mittelalterlichen Glasmalereien in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet (CVMA Deutschland III, 2), bearbeitet von Daniel Hess, Berlin 1999 (471 S. : zahlr. Ill., graph. Darst., Kt.).
    ISBN 3-87157-185-7
  • Die mittelalterlichen Glasmalereien in Marburg und Nordhessen (CVMA Deutschland III, 3), bearbeitet von Daniel Parello, Berlin 2008 (687 S. : zahlr. Ill., graph. Darst., Kt.).
    ISBN 978-3-87157-224-1

Die Bände sind im Deutschen Verlag für Kunstwissenschaft Berlin erschienen:
http://www.deutscherverlagfuerkunstwissenschaft.de.

 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde