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Rückführung der Truppen von der Westfront von Kassel-Wilhelmshöhe aus organisiert, 15. November - Ende Dezember 1918

Nachdem die Oberste Heeresleitung unter Feldmarschall Paul von Hindenburg (1847–1934) und dem Ersten Generalquartiermeister Wilhelm Groener (1867–1939) ihr Quartier am 15. November von Spa nach Kassel-Wilhelmshöhe verlegt hat, wird die Rückführung der deutschen Truppen von der Westfront von Kassel-Wilhelmshöhe aus organisiert.
Nach den Bestimmungen des am 11. November in Compiègne unterzeichneten Waffenstillstands müssen die deutschen Truppen an der Westfront, das heißt aus Frankreich, Belgien, Luxemburg und dem Reichsland Elsaß-Lothringen binnen 15 Tagen (das heißt bis zum 26. November) vollständig abgezogen werden. In den darauf folgenden 17 Tagen (bis zum 13. Dezember) wird das gesamte linksrheinische Reichsgebiet mit den rechtsrheinischen Brückenköpfen Köln, Koblenz und Mainz von französischen Truppen besetzt. Die deutschen Truppen müssen das Besatzungsgebiet bis zu diesem Zeitpunkt verlassen haben.
Hauptmann Adalbert von Wallenberg, der im Stab Feldmarschall von Hindenburgs am 15. November an der Verlegung des Hauptquartiers von Spa nach Kassel-Wilhelmshöhe teilnimmt, beschreibt die Arbeit der Obersten Heeresleitung, in der General Wilhelm Groener die Rückführung und Demobilisierung leitet, aus seiner Sicht:
Die Ereignisse, an deren Entwicklung die Oberste Heeresleitung von Mitte November 1918 an tätig mitwirkte, gruppierten sich um vier Hauptthemen; die Rückführung der Heere in die Heimat, die Stellungnahme zu den polnischen Aufständen, die Bekämpfung der Unruhen im Innern und die Verlängerung des Waffenstillstandes [der zunächst nur bis zum 13. Dezember gültig ist], die mit den Vorbereitungen zum Friedensschluß verknüpft waren.
Dem deutschen Westheer drohte durch die im Rücken meuternde Etape, durch die Unterbindung der Zufuhren, durch die Kürze der Fristen, die von der Entente für die Bewegung der gewaltigen Truppenmassen auf engem Raum vorgeschrieben waren, schwere Gefahr. Nur durch die entschiedenen Maßnahmen der Führung, durch das tapfere und entschlossene Auftreten der Offiziere und Unteroffiziere und das glänzende Verhalten der Frontmannschaft wurde die Gefahr überwunden. In guter Disziplin rückten die Westdivisionen in Deutschland ein, in der gehobenen Stimmung, auch der feindlichen Übermacht in der Feldschlacht nicht unterlegen zu sein. Die Truppen länger unter Waffen zu halten, erwies sich jedoch mit Rücksicht auf die Stimmung in Heer und Heimat als ausgeschlossen, und so wurde die Demobilmachung in unmittelbarem Anschluß an den Rückmarsch durchgeführt. Nur einige Verbände wurden für besondere Aufgaben im Innern zusammengehalten.

Anmerkungen:
Das hier von Adalbert von Wallenberg gezeichnete Bild eines weitgehend geordneten Rückführung der deutschen Truppen von der Westfront muss inzwischen zumindest teilweise als überholt gelten. Nach neueren Untersuchungen (siehe den Beitrag von Richard Bessel) waren in den Wochen und Monaten vor dem Waffenstillstand Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende von Soldaten desertiert oder bei passender Gelegenheit nicht mehr an die Front zurückgekehrt. Viele andere nutzten die erste Gelegenheit, um so schnell wie möglich auf eigene Faust in die Heimat zurückzukehren, ohne die offizielle Rückführung abzuwarten.
Wilhelm Groener (1867–1939) war nach der Entlassung Erich Ludendorffs seit 26. Oktober 1918 Erster Generalquartiermeister und damit faktisch Chef der Obersten Heeresleitung. Er leitete von Spa und dann von Kassel aus den Rückmarsch und die Demobilisierung der deutschen Truppen von der Westfront. Groener unterstützte die gemäßigte Politik des Rats der Volksbeauftragten und sagte Reichskanzler Ebert am 10. November telefonisch zu, dass sich das Heer dessen Regierung unterstelle.
(OV)

Belege
Empfohlene Zitierweise
„Rückführung der Truppen von der Westfront von Kassel-Wilhelmshöhe aus organisiert, 15. November - Ende Dezember 1918“, in: Zeitgeschichte in Hessen <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/240> (Stand: 16.8.2017)
Ereignisse im Oktober 1918 | November 1918 | Dezember 1918
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