Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Zeitgeschichte in Hessen - Daten · Fakten · Hintergründe

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DKP

  1. Überblick
  2. Kommunistische Hochburg Reinheim-Ueberau
  3. Die kommunistischen Parteien in Mörfelden-Walldorf: „rote“ Prägung seit den 1920er Jahren
  4. Der erste kommunistische Bürgermeister Hessens
  5. Parteienübergreifende „Volksfront“ gegen den Bau der Startbahn West

1. Überblick

Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ist eine kommunistische politische Partei, die in Hessen in einigen ehemaligen KPD-Hochburgen auf kommunaler Ebene parlamentarisch vertreten ist und seit ihrer Entstehung allgemein als Nachfolgepartei der 1956 verbotenen KPD angesehen wird.

Die Gründung der DKP erfolgte am 26. September 1968. Der hessische Landesverband bildete sich (als „Landesausschuss“) am darauffolgenden 3. Oktober.1 Erste lokale Ortsgruppen bildeten sich in Hessen bereits Ende September 1968 in Marburg, Offenbach und Hanau.2

Ebenso wie die KPD stand sie in direkter Abhängigkeit von der Staatspartei SED, die 1946 aus einer Zwangsvereinigung der KPD und der SPD in der Sowjetische Besetzten Zone hervorging und seit 1949 die Alleinregierung der Deutschen Demokratischen Republik stellte.

Die Wahlergebnisse der DKP Hessen bei Landtagswahlen waren marginal. Auf kommunaler Ebene gelang es in einigen ehemaligen Hochburgen, an die Wahlerfolge der KPD und von deren Nachfolgelisten anzuknüpfen. So war die DKP Hessen nach den Kommunalwahlen in Hessen 1972 in Mörfelden, Dietzenbach, Langenselbold, Neuberg (Hanau), Reinheim und Gersfeld in den Kommunalparlamenten vertreten. Als weitere Hochburg entwickelte sich die Studentenstadt Marburg. 1972 erzielte die DKP hier 5,3 %, bei den Kommunalwahlen 1977 bundesweit beachtete 10,2 %. Diese Hochburg erwies sich als stabil. 1989 wurden immer noch 5,8 % erreicht.

Im Jahr 1978 zählte die hessische DKP 23.000 Mitglieder.3 Mit der Wende 1989 entfielen die finanziellen Zuwendungen aus Ost-Berlin und die DKP verlor stark an Bedeutung.

Der DKP ist es in ihrer mittlerweile mehr als vierzigjährigen Geschichte weder in Hessen noch in einem anderen Bundesland gelungen, bei Landtagswahlen die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen. Ihre parlamentarische Repräsentanz beschränkt sich heute bundesweit auf rund 20 Kreis-, Stadt- und Gemeindeparlamente, wo sie allein oder als Teil linker Bündnislisten Mandate bekleidet. Dazu zählen neben Schwerpunkten im nördlichen Ruhrgebiet, in Baden-Württemberg und im Saarland auch die hessischen Gemeinden Mörfelden-Walldorf und Reinheim. Lokale Achtungserfolge erzielte die DKP darüber hinaus zeitweise auch in Dietzenbach, den im Main-Kinzig-Kreis gelegenen Kommunen Langenselbold und Neuberg, Gersfeld (Rhön) und im mittelhessischen Marburg.

2. Kommunistische Hochburg Reinheim-Ueberau

In Reinheim ist die DKP seit 1972 ohne Unterbrechung im Ortsbeirat des eingemeindeten Stadtteils Ueberau vertreten, das bereits kurz nach Kriegsende den Ruf einer ausgesprochenen Hochburg der KPD genoss („Rotes Dorf“). Bei der Gemeinderatswahl am 4. Mai 1952 erzielte die KPD dort ein Ergebnis von 53,4 Prozent der abgegebenen Stimmen und hielt mit sieben von 12 Mandaten die absolute Mehrheit. Dem sich abzeichnenden KPD-Verbot im Sommer 1956 begegnete man bereits im Vorfeld mit der Gründung einer Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG), der nicht nur alle bisherigen KPDler sondern auch vormals parteilose Mitglieder angehörten. Die UWG erlangte bei der im Oktober 1956 durchgeführten Kommunalwahl abermals die absolute Mehrheit mit sieben von insgesamt 12 Sitzen im Ueberauer Gemeinderat. Wenige Tage vor der Kommunalwahl des Jahres 1960 verbot das Hessische Innenministerium die UWG und setzte den seit 1948 amtierenden kommunistischen Bürgermeister Adam Büdinger sowie seine beiden Beigeordneten ab. Die als Sammelbecken für ehemalige KPD-Anhänger fungierende Deutsche Friedensunion (DFU), 1960 in Stuttgart gegründet, vereinnahmte bei der Kommunalwahl 1968 38 Prozent der abgegebenen Stimmen.4

Die DKP stellt heute die stärkste Kraft im Ortsbeirat des knapp 2.300 Einwohner zählenden Stadtteils Ueberau dar. Sie erzielte bei den beiden jüngst zurückliegenden Kommunalwahlen 33, 5 (2011) bzw. 39,1 Prozent (2006) der abgegebenen Stimmen und lag damit deutlich vor den Ergebnissen der SPD (27,0 % in 2011 und 27,6 % in 2006). Auf die CDU entfielen jeweils weniger als die Hälfte der für die Kommunisten abgegeben Stimmen.

3. Die kommunistischen Parteien in Mörfelden-Walldorf: „rote“ Prägung seit den 1920er Jahren

Einen traditionell starken Stand besitzt die DKP auch im untermainischen Mörfelden-Walldorf, das im Zuge der hessischen Gebietsreform am 1. Januar 1977 aus den zwei bis dahin selbständigen Städten Mörfelden und Walldorf5 entstand.

Das 1932 etwa 5.000 Einwohner zählende Mörfelden wurde seit der Weimarer Republik maßgeblich durch die Wahlerfolge von Kommunisten geprägt und widerstand zu Beginn der 30er Jahre und sogar noch nach der „Machtübertragung“ an die Nationalsozialisten dem Hegemonialanspruch der Hitlerpartei: bei der Wahl zum Achten Deutschen Reichstag am 5. März 1933 (letzte Reichstagswahl, an der mehr als eine Partei teilnahm) erhielten KPD und SPD in Mörfelden mehr als 75 Prozent der abgegebenen Stimmen (zum Vergleich: reichsweit entfielen auf die SPD 18,3 %, auf die KPD 12,3 %). Die hauptsächlich dem Arbeitermilieu zugehörige Bevölkerung Mörfeldens wurde zu Beginn der 30er Jahre hart von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise getroffen. Bezifferte sich die Zahl der am Bahnhof Mörfelden ausgegeben Arbeiterwochenkarten 1926/27 auf durchschnittlich 1.800, so schrumpfte die Menge der verkauften Fahrscheine auf nur noch 300 im Jahre 1930. Im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren war der Brotverbrauch des Arbeiterdorfes zu diesem Zeitpunkt um ein Drittel gesunken, der Fleischkonsum verringerte sich um 50 bis 60 Prozent. Die in Mörfelden ansässigen Gastwirtschaften büßten 1930 gegenüber dem Vorjahr zwei Drittel ihres Umsatzes ein.

4. Der erste kommunistische Bürgermeister Hessens

Der seit 1919 zunächst der USPD und später der KPD angehörige Georg Zwilling (1892–1944) wurde am 8. November 1931 in Mörfelden zum ersten kommunistischen Bürgermeister in Hessen gewählt (Stichwahl mit 1.578 zu 1.236 Stimmen). Bereits im Frühjahr 1932 wurde der KPDler und sein ebenfalls kommunistischer Beigeordneter Bitsch allerdings auf Geheiß der Obrigkeit wieder ab-, und an seiner Stelle der vom Kreisamt Groß-Gerau kommende Obersekretär Adalbert Holzhäuser als Staatskommissar eingesetzt. Zwilling, gebürtiger Mörfeldener und gelernter Maurer, saß darüber hinaus für die Dauer der 6. Wahlperiode von 1932 bis 1933 als Abgeordneter der KPD im Hessischen Landtag.

Bei der Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 entfielen auf den erneut kandidierenden Paul von Hindenburg 850 der von den Mörfeldenern abgegebenen Stimmen, 264 auf Adolf Hitler und 1.737 auf den Kandidaten der KPD, Ernst Thälmann. Ebenfalls eindeutig fiel das Votum auch bei der darauffolgenden Landtagswahl am 19. Juni aus, bei der die Kommunisten 1.253 Stimmen errangen. Nur 353 Mörfeldener entschieden sich bei der Abgabe des Wahlscheins für die SPD, 329 für die Nationalsozialisten.

5. Parteienübergreifende „Volksfront“ gegen den Bau der Startbahn West

Die unmittelbare räumliche Nähe zum Gelände des Rhein-Main-Flughafens machte die Gemeinde Mörfelden-Walldorf seit 1978 zu einem zentralen Ausgangspunkt von Bürgerprotesten gegen den Bau der Startbahn West. Die Ortsgruppe der DKP zählte von Beginn an zu den entschiedenen Gegnern des Flughafenausbaus, der großflächige Waldrodungen notwendig machte und für die angrenzenden Gemeinden mit der Aussicht auf stark zunehmende Lärm-und Umweltbelastungen verbunden war.

Zur Bildung einer ungewöhnlichen Koalition kam es 1978. Die Ortsverbände der SPD, CDU, FDP und DKP schlossen sich zu einer „Parteienaktionsgemeinschaft“ gegen die Flughafenerweiterung zusammen.6

Im Zuge der Proteste gegen den Bau der Startbahn 18 West wurden fortan Plakate und Presseerklärungen und Zeitungsannoncen gemeinsam formuliert und unterzeichnet, bei Podiumsdiskussionen und auf Bürgerversammlungen zog man einmütig am gleichen Strang. Bundesweites Aufsehen erregte ein gemeinsamer Hungerstreik der städtischen Parteivorsitzenden: der Christdemokrat und Professor für Betriebswirtschaft Leonhard Peez, der sozialdemokratische Lehrer Jürgen May und der kommunistische Drucker Rudi Hechler (DKP) campierten auf Feldbetten im Foyer des Ratshauses und begnügten sich drei Tage lang mit Tee, Kaffee und Sprudelwasser.7

Bei den Kommunalwahlen der Jahre 2001, 2006 und 2011 konnte sich die DKP in Mörfelden-Walldorf als viertstärkste Kraft hinter SPD, CDU und den Grünen/Bündnis 90 etablieren, sie stellt seit 2011 vier der insgesamt 45 Abgeordneten im Magistrat der Stadt. Bei den Europawahlen der Jahre 2004 und 2009 erzielte die DKP einen geringen Anteil von 0,8 bzw. 0,6 Prozent, allerdings lag die Wahlbeteiligung 2009 mit 38,2 Prozent der Stimmberechtigten ausgesprochen niedrig.

Kai Umbach


  1. Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.1968, S. 86: „DKP gründet Landesausschuß“.
  2. Ebd.
  3. Vgl. Fülberth, Georg: Die KPD und DKP in Hessen 1945-1992, in: Berg-Schlosser, Dirk / Fack, Alexander Fack / Noetzel, Thomas (Hg.): Parteien und Wahlen in Hessen: 1946–1994, Marburg 1994, , S. 188–196, hier: S. 193 ff.
  4. Vgl. Grabenströer, Michael: Das rote Dorf, in Frankfurter Rundschau Online, Beitrag vom 27. Setmeber 2008, URL: http://www.fr-online.de/darmstadt/das-rote-dorf,1472858,3244174.html (Stand: 06.12.2014).
  5. Mörfelden erhielt 1968 das Recht, die Bezeichnung „Stadt“ zu führen, Walldorf bereits sechs Jahre zuvor, im Juli 1962.
  6. DER SPIEGEL: „eine Volksfront, die es so in der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat“, vgl. Ausgabe 44/1980, vom 27.10., S. 51.
  7. Vgl. DER SPIEGEL 44/1980, vom 27.10., S. 51 (Stand: 12.06.2012).
Sachbegriffe
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Einträge
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde